Die Juvi-Geschichte von Frater Marcellinus vom 5. April 2013
Die SMS
Lisa schaut gespannt auf ihr Handy – er hat noch immer nicht geschrieben. Dabei hat er es doch versprochen, sich zu melden, wenn er daheim ankommt. Ist etwas passiert? Gab es einen Unfall? Nein, nein … sicher hat er sich mit den Eltern verquatscht. Schließlich haben sie sich seit einigen Wochen nicht gesehen. Alle möglichen Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Die ganze Fahrt mit der U-Bahn nach Hause blickt sie immer wieder auf das Handy.
Daheim angekommen fährt Lisa sofort den PC hoch – vielleicht kam ja auch eine E-Mail oder eine Nachricht in Skype? Doch auch hier nichts von Martin. Komisch, hat er mich etwa vergessen? Quatsch – warum denn?!
Lisa und Martin sind Studienfreunde. Beide sind in ihrem 3. Studiensemester an der Uni und sitzen bei den meisten Vorlesungen nebeneinander. Und auch privat verstehen sich beide sehr gut und verbringen viel Zeit miteinander.
Schon vom ersten Studientag an, als sie bei einer Einführungsvorlesung zufällig nebeneinander saßen, hatte die Begegnung mit Martin für Lisa etwas Eindrückliches. Sie war irgendwie fasziniert von ihm. Martin war ein normaler junger Mann, Anfang 20, ca. 1,80 m groß. Weder besonders sportlich aussehend noch besonders cool gekleidet. Einfach normal. Eigentlich wäre er Lisa gar nicht aufgefallen, doch er hatte etwas, was sie sofort faszinierte – sein Lächeln und sein Humor.
Im Laufe der Zeit lernten sich beide immer besser kennen und freundeten sich richtig gut an. Sie gingen zusammen ins Kino, tranken Kaffee, mochten beide gern Billard spielen und lachten sich kaputt, wenn der andere mit dem Queue diese weiße Kugel nicht traf.
Lisa begann zu träumen, während sie sich in der Küche einen Tee kochte.
Und da war es wieder – sein Lächeln. Wie ein Blitz schoss ihr der Gedanke in den Kopf. Wie er immer zu ihr herüberschaute, als sie kurz vor seiner Abfahrt am Bahnhof mit ihm den Fahrplan studierte. Sie bekam Herzklopfen beim Gedanken an diesen Moment. Solche ähnlichen Momente häuften sich in den letzten Wochen und Lisa fing an zu grübeln, während sie das heiße Wasser über den Teebeutel goss. Ist da etwa mehr bei mir? Ihre Hände zitterten ein wenig vor Aufregung, als sie den Wasserkocher zurückstellte. Das kann nicht sein, sagte sie sich. Er ist doch nur ein Freund. Quatsch – wir verstehen uns halt gut. Sie verwarf den Gedanken gleich wieder und nahm den Beutel aus der Tasse.
Stunden später, ohne sich selbst eine Antwort über ihre Gefühle geben zu können, ging sie schlafen. Und immer noch kein Lebenszeichen von Martin.
Piep – Piep. Das Handy blinkt und der Vibrationsmodus reißt Lisa aus dem Schlaf. 1.34 Uhr. Eine SMS von Martin. Im Halbschlaf und mit halb geöffneten Augen liest sie die Nachricht. Sorry, dass ich mich erst jetzt melde. Hab mich mit den Eltern verquatscht. Melde mich bald. Gute Nacht und süße Träume, Martin.
Mit einem Lächeln und den Gedanken bei Martin sank sie schnell wieder in den Schlaf. Er hat mich doch nicht vergessen.
Am darauffolgenden Morgen beim Aufwachen hatte sie das Lächeln noch immer im Gesicht. Er hat sich doch gemeldet – schön. So konnte der Tag beginnen.
Als die Semesterferien rum waren, war alles beim Alten. Martin nahm Lisa in den Arm, drückte sie fest und freute sich, sie wiederzusehen. Auch sie war erfreut über das Wiedersehen. Das war vor sechs Monaten. Vieles hatte sich zwischenzeitlich bei den beiden verändert. Im Laufe der Monate kühlte ihre Freundschaft etwas ab. Manchmal meldete sich Martin einfach gar nicht bei ihr – und wenn er dann mal online war, schrieb SIE ihn an, um mit ihm zu quatschen. Lisa merkte, dass hier etwas nicht stimmte, dass sich etwas verändert hatte.
Die Osterferien haben begonnen. Das Lächeln in Lisas Gesicht ist nicht mehr so stark. Martin hat sich wieder nicht gemeldet. Keine SMS, keine Nachricht oder E-Mail – nichts. Was soll das? Lisa ist am Boden zerstört. Sie denkt aber ständig an ihn, gerade dann, wenn sie an der Eisdiele vorbeikommt, in der er gern mit ihr saß und sie sich gegenseitig das Eis aus dem Eisbecher geklaut hatten; oder an den Park, in dem sie gern Frisbee gespielt hatten. Mist!, denkt sie sich, lässt er mich so hängen... Lisas Hoffnung, etwas von Martin zu hören, schlägt in Enttäuschung um, und mit jedem Tag, an dem sie nichts von ihm hört, ein Stück mehr.
Es ist nun kurz vor Ostern. Alle kaufen schon Schokoladenosterhasen für ihre Lieben und alle möglichen Bastelutensilien, um Eier zu bemalen oder Osterkörbchen zu basteln. Stimmt – Ostern! Mist!, sagt sich Lisa, hab ich das doch vor lauter Martin vergessen. Was ist heute für ein Tag? Ui … schon Mittwoch! Am Sonntag ist Ostern, denkt sie sich und macht sich auf den Weg in ein Kaufhaus.
Da kommt Lisa an einer Kirche vorbei.
Einen flüchtigen Blick wirft sie hinein, geht aber ohne groß nachzudenken weiter. Kirche – Gott – Leben nach dem Tod: Darüber hat sie sich nie wirklich Gedanken gemacht. Warum auch, sie ist ja noch jung. Auch die Eltern waren nie wirklich im Glauben verwurzelt. Ostern und Weihnachten ging man halt mit der Familie in die Kirche – es war halt Tradition.
Im Kaufhaus angekommen, ging Lisa in die Süßwarenabteilung. Zielstrebig suchte sie einige Osterhasen und Zuckereier aus – auch Martin bekommt einen Hasen. Selbstverständlich.
Doch noch während sie so durch die Abteilung schlenderte, sagte sie sich: Warum sollte ich Martin einen Hasen schenken? Er meldet sich Tage oder Wochen lang nicht, und dann bin ich wieder diejenige, die sich zuerst bei ihm meldet? NEIN – diesmal bleibe ich standhaft und melde mich nicht bei ihm oder bring ihm eine kleine Aufmerksamkeit mit! Sie macht noch vor der Kasse kehrt und stellt den Hasen zurück.
Schwer ist ihr dieser Schritt gefallen, hat sie Martin doch sehr gern. Und unter uns – sie hat sich doch auch etwas mehr erhofft.
Lisa verlässt niedergeschlagen das Kaufhaus und geht durch die Fußgängerzone zur U-Bahn-Haltestelle.
Da kommt sie wieder an der Kirche vorbei. Und diesmal – geht sie hinein. Zögerlich und unsicher öffnet sie die große, schwere Kirchentür. Von innen strömt ihr warme Luft entgegen, sie geht hinein. RUMS – die Kirchentür fällt hinter ihr zu.
Lisa fühlt sich sofort geborgen und aufgehoben. Kerzen brennen vor einer Madonnenstatue, der Mesner räumt etwas im Altarraum umher und einige alte Frauen beten an einem Seitenaltar den Rosenkranz. Sie schmunzelt über das Klischee, das ihr soeben über die Kirche in den Sinn kommt.
Doch sie setzt sich. Verweilt. Schaut nach vorn Richtung Altar. Das Kreuz ist mit einem violetten Tuch verhüllt.
Beten kann sie nicht – das hat ihr nie jemand beigebracht. So fängt sie einfach an, ihre Gedanken kreisen zu lassen. Martin, immer wieder Martin. Mensch, denkt sie sich, so kann das nicht weitergehen.
Während sie so mit den Gedanken kreist, fällt ihr ein Licht an der rechten Seite der Kirche auf. Es leuchtet Grün.
Ein Herr geht durch die Tür und das Licht wird Rot. Nach 10 Minuten kommt er wieder raus. Ah, der Beichtstuhl, denkt sich Lisa. Hm, naja eigentlich hab ich nie Leuten etwas Böses wollen oder ihnen getan. Ich müsst glaub ich nicht beichten. MARTIN – schießt es ihr wie ein Blitz durch den Kopf. Mist – was ich die letzten Wochen alles Schlechtes gedacht habe über ihn… Lisa bekommt ein schlechtes Gewissen. Sie verbringt eine halbe Stunde in der Kirche – grübelt, denkt nach, schwelgt in Erinnerungen und immer wieder drängt sie der Gedanke, dass sie durch diese Tür treten sollte. Warum? War das mit Martin so schlimm? Ich bin enttäuscht und traurig über sein Verhalten – stimmt. Warum sollte ich aber beichten?
Irgendwann packt sie allen Mut zusammen, steht auf, öffnet vorsichtig die Tür. Drinnen hört sie die Stimme des Priesters: „Kommen Sie ruhig – nur Mut.“
Lisa schließt die Tür hinter sich.
Nach 15 Minuten kommt sie heraus. Tränen in den Augen und in den zitternden Händen ein Bildchen, das ihr der Pfarrer am Ende der Beichte gegeben hat.
Lisa setzt sich in die Bank und bricht in Tränen aus. Sie ist so ergriffen von dem, was sie gerade erlebt hat. Sie schaut wieder hoch zum verhüllten Kreuz und sagt leise vor sich hin: Du hast mir vergeben? Alles? Stille. – Sie wischt sich die Tränen mit einem Taschentuch weg.
Eine innere Zufriedenheit macht sich bei ihr breit. Was hat der Priester noch zu ihr gesagt? „Vergeben Sie! – Wie Jesus Ihnen vergeben hat.“
Sie bricht wieder in Tränen aus.
Nach einer Weile steht sie auf. Sie drängt es geradezu nach draußen, an die frische Luft. Sie hat jetzt wieder ihr Lächeln auf dem Gesicht.
Kaum aus der Kirche draußen, zückt sie das Handy. Oh, eine SMS von Martin. Sie öffnet sie mit einer inneren Gelassenheit: Liebe Lisa – ich hoffe, es geht dir gut? Ich vermisse Dich. Wollen wir uns nächste Woche in unserer Eisdiele treffen? Und ich glaub, uns würde eine richtige Aussprache guttun. Liebe Grüße, Martin.
Sie stockt, bleibt stehen und weiß nicht, ob sie jetzt weinen soll oder vor Freude lachen. Sie überlegt einen Moment und antwortet mit einem Schmunzeln: Gerne – Mittwoch, 15 Uhr? Liebe Grüße, Lisa.
Zufrieden steckt sie das Handy ein und macht sich auf den Weg zur U-Bahn.
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HERR JESUS,
Du vergibst uns, wenn wir zu Dir kommen;
Du weist niemanden ab, der um Deine Hilfe bittet.
Gib uns die Kraft, Deine Vergebung zu erfahren
und Mut, anderen zu vergeben, die uns vielleicht verletzt haben,
die uns auch unbewusst wehgetan haben.
Schenke uns ein liebendes Herz – eines, wie Du es hast.
Amen.